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Geschichten in Geschichte finden

  • 4. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit
Autorin Julia Meienberg beim Aktenstudium im Staatsarchiv Zug
Autorin Julia Meienberg beim Aktenstudium im Staatsarchiv Zug

Was geschieht mit einer Gemeinschaft, wenn die Verunsicherung wächst? Wer übernimmt Verantwortung, wer erhält Unterstützung und wie schnell richtet sich der Blick auf jene, die nicht ganz dazuzugehören scheinen?


Diese Fragen stehen am Anfang unseres neuen Theaterstücks mit dem Arbeitstitel «Das Jahr ohne Sommer» für die Sommernachtspiele Cham. Geplant ist jedoch kein Stück, das seinem Publikum Geschichte erklärt, sondern ein musikalischer Theaterabend mit starken Figuren, überraschenden Wendungen und eindrücklichen Bildern. Die historischen Hintergründe geben der Handlung Tiefe, ohne das Erzählen und die Unterhaltung zu verdrängen.


Noch bevor erste Szenen entstehen, Figuren Konturen erhalten oder musikalische Ideen entwickelt werden, beginnt die Arbeit im Staatsarchiv Zug.


Das Skript schreibt Julia Meienberg von Werkwürdig. Gemeinsam mit Michael Werder und Noëmi Franchini bildet sie das kreative Schreibteam. Im Zentrum der Recherche stehen nicht nur historische Ereignisse, sondern vor allem die Reaktionen der Menschen auf Unsicherheit. Als Einzelne, als Gemeinschaft und als Gesellschaft.


Wie wurde über Fremdes gesprochen? Wer durfte in der Not auf Hilfe hoffen? Welche Verantwortung übernahmen Behörden, Kirche und Bevölkerung? Wo entstand Solidarität, wo Misstrauen? Und wann beginnt eine Gesellschaft, nach einfachen Erklärungen und Schuldigen zu suchen?


Antworten finden sich selten in einem einzigen Dokument. Oft erzählen kleine Spuren besonders viel. Eine behördliche Formulierung, ein Entscheid oder eine unscheinbare Notiz lassen hinter nüchternen Akten plötzlich Menschen sichtbar werden, mit ihren Ängsten, Abhängigkeiten, Hoffnungen und Widersprüchen.


Das Kreativteam sucht im Archiv deshalb nicht bloss nach historischen Fakten für das spätere Stück. Es sucht nach Situationen, Spannungen und Haltungen, aus denen Konflikte, Figuren und unerwartete Begegnungen entstehen können. Ein einzelner Fund kann den Blick auf eine Szene verändern. In einer alten Formulierung steckt mitunter mehr Dramatik oder Komik, als zunächst zu erwarten wäre.


Vergangenheit und Gegenwart liegen dabei näher beieinander, als es auf den ersten Blick scheint. Auch heute prägen Unsicherheit, gesellschaftlicher Druck und globale Entwicklungen den Alltag. Sie beeinflussen, wem wir vertrauen, mit wem wir uns verbunden fühlen und wen wir als fremd wahrnehmen. Gerade in angespannten Zeiten zeigt sich, wie tragfähig eine Gemeinschaft ist.


Diese Verbindung zur Gegenwart soll im Stück spürbar werden, ohne ausdrücklich erklärt zu werden. Die Geschichte soll aus sich selbst heraus wirken, berühren, unterhalten und Fragen hinterlassen. Humor spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn schwierige Zeiten bestehen nicht nur aus Schwere. Menschen streiten, hoffen, verlieben sich, machen Fehler und geraten in Situationen, die ebenso komisch wie ernst sein können.


Recherche und Schreiben greifen von Anfang an ineinander. Ein Fund im Archiv verändert eine Figur, ein einzelner Satz löst eine Szene aus. Neue Ideen führen wiederum zurück zu den Quellen. So entsteht das Stück Schritt für Schritt aus der Verbindung von Dokument und Fantasie.


Begleitet wird die historische Recherche durch das Staatsarchiv Zug und die Historikerin Dr. Ruth Wiederkehr. Die künstlerische Erzählung soll frei und gegenwärtig sein, zugleich aber auf einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte beruhen.


Geplant ist ein zeitgenössisches Musiktheater, in dem Sprache, Musik, Bewegung, Video und die besondere Atmosphäre des Hirsgartens zusammenfinden. Ein Theaterabend, der sein Publikum in eine Geschichte hineinzieht und dabei über den historischen Moment hinausweist.


Welche Geschichte daraus genau entsteht, bleibt vorerst Teil des Schreibprozesses. Ihre zentralen Fragen sind jedoch bereits spürbar. Was hält Menschen zusammen, wenn höhere Mächte spielen? Wie gehen wir mit dem Fremden um? Und was geschieht, wenn Angst den Blick auf andere verändert?


Die Suche beginnt zwischen Akten, Notizen und Dokumenten. Lange bevor im Hirsgarten die erste Szene gespielt wird.



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